Der Plan, den es nicht gibt

# Der Plan, den es nicht gibt

Pömmerling war noch nicht beim ersten Kaffee, als der Staatssekretär persönlich in der Tür stand. In der Staatskanzlei zu Schilda galt das als Warnzeichen, denn wer persönlich kommt, will nichts Schriftliches.

„Herr Pömmerling, wir brauchen eine Übersicht. Rein hypothetisch. Falls der Ministerpräsident nach dem Wochenende in Berlin gebraucht werden sollte.“

„Wird er gebraucht?“

„Davon ist nirgends die Rede.“

„Dann weiß ich nicht, wonach ich suchen soll.“

„Nach der Nachfolge. Diskret. Und ohne dass ein Vorgang entsteht.“

Pömmerling leitete seit Jahren die Rechtsabteilung und damit jene Stelle, die dafür sorgte, dass Vorgänge entstanden. Er nahm die Bitte ohne erkennbare Regung zur Kenntnis. „Ein Plan, der nicht existieren darf, braucht ein Aktenzeichen, das nicht existiert“, sagte er. „Verwaltungstechnisch anspruchsvoll, aber machbar.“

Er begann, wie immer, mit der Verfassung. Artikel 52a der Landesverfassung war eindeutig: Der Regierungschef wird aus der Mitte des Landtags gewählt. Damit schrumpfte der Kreis, und Pömmerling zog den ersten Strich. Die Schulministerin, die sich erst jetzt um ein Mandat bewarb, fiel heraus. „Richtiger Ehrgeiz, falsche Reihenfolge“, notierte er.

Dann führte er die Gespräche, einzeln und im Flur, weil im Flur niemand mithörte. Alle waren dort mit dem Gleichen beschäftigt.

Die Kulturministerin sagte, sie habe sich darüber noch nie Gedanken gemacht, und reichte ihm dabei einen Lebenslauf, der auf der ersten Seite das Wort „Geheimwaffe“ trug. Der Gesundheitsminister erklärte, im nächsten Jahr siebzig zu werden, und meinte damit eine Absage. Seine Fraktion verstand es als Empfehlung für eine Übergangszeit.

Der Innenminister, vierundsiebzig und der beliebteste Mann im Land, hatte erst vor einer Woche mitgeteilt, im April noch einmal anzutreten. Auf Pömmerlings Frage lächelte er verschmitzt und sagte, darüber habe er sich noch nie Gedanken gemacht. Pömmerling schrieb „Kein Interesse“ in den Vermerk, strich es durch und setzte darunter: „Mandat gesichert. Sofort verfügbar.“

Am Nachmittag rief ein früherer Ministerpräsident an, der inzwischen einem Ausschuss vorsaß und, wie man in Schilda sagte, in Interviews regelmäßig vor Interviews warnte. Er wolle nur klarstellen, dass er von solchen Debatten nichts halte. Sie schwächten den Kanzler. Das habe er gerade erst einer Zeitung erklärt, die ihn zu genau dieser Debatte befragt hatte.

Pömmerling legte den Ausschnitt in die Ablage „Debatte, nicht stattgefunden“ und vermerkte: „Beklagt wird sie von allen Seiten, geführt von keiner. Die Klage ist derzeit ihr einziger Ausdruck.“ Der Brief der Ministerpräsidenten, der jedes Gerücht beenden sollte, wanderte ordnungsgemäß unter „Gerüchte, laufend“.

Am Samstagabend lag der Plan vor: siebenundvierzig Seiten, Verfassungsprüfung, Personaltableau, Anlage „Bekanntheitsgrad (tendiert gegen null)“. Auf dem Deckblatt stand: „Dieser Plan existiert nicht.“

Der Staatssekretär blätterte. „Und wenn er gebraucht wird?“

„Dann haben wir ihn gehabt.“

„Und wenn nicht?“

„Dann hat es ihn nie gegeben.“

„Und wenn er gebraucht wird und wir ihn nie hatten?“

Pömmerling überlegte kurz. „Dann werden wir alle sagen, dass wir uns darüber noch nie Gedanken gemacht haben.“

Der Staatssekretär nickte erleichtert. Das war der einzige Satz, der im Plan noch gefehlt hatte.

Pömmerling ordnete die Mappe unter dem Aktenzeichen „Nicht vorhanden“ ein, gleich neben dem Jahresbericht zur Meinungsvielfalt. Beide Vorgänge, fand er, ergänzten sich.