Als bekannt wurde, dass ein Fernsehsender über das bewachte Klo in der Krötengasse berichten wollte, ließ Rechtsabteilungsleiter Pömmerling die Akte kommen. Verhindern konnte er den Beitrag nicht. Aber er wollte wissen, worüber man lachen würde, bevor man ihn darauf ansprach.
Die Zahl stand in der Zeitung: 11,92 Euro pro Toilettengang. Pömmerling hielt nichts von Zahlen, die in Zeitungen standen. Eine Zahl, die nicht nachgerechnet sei, sagte er gern, sei eine Behauptung mit Dezimalstelle.
Er rechnete nach. Gesamtkosten gut eine Million, Einnahmen knapp vierzigtausend, Nutzer fast hunderttausend. Das Ergebnis stimmte. Das ärgerte ihn, denn damit ließ sich nichts anfangen.
Also las er die Akte weiter, und auf Seite vierzehn der Leistungsbeschreibung stand: Wachdienst, werktags zwölf Stunden. Pömmerling legte den Stift hin.
„Zwölf Stunden“, sagte er zu Frau Wedekind, „neben einem Klo. Und niemand muss?“
Frau Wedekind sagte, sie nehme an, die Herren gingen dann eben nebenan.
„Es gibt kein Nebenan“, sagte Pömmerling. „Das Nebenan ist der Wachcontainer. Der Wachcontainer wurde gebaut, damit das Klo offen bleiben kann. Für ein zweites Klo sah die Planung nichts vor.“
Er rief bei der Gesellschaft für Arbeitsförderung an, die den Wachdienst stellte. Ja, sagte man ihm nach einigem Zögern, die Kollegen gingen schon auf das Klo, das sie bewachten, was sonst. Und bezahlt? Selbstverständlich bezahlt, fünfzig Cent, wie jeder. Einen Sonderschlüssel besitze niemand, die Kollegen seien ja gottlob gesund. Und wie oft? Man schätze, sagte die Stimme, zehn, zwölf Mal am Tag, über beide Schichten.
Pömmerling schrieb 12 auf. Dann rechnete er: Bei sechzig Nutzungen am Tag war jeder fünfte Gang ein dienstlicher.
Das ging ihm nahe, aber nur kurz, denn dann sah er die Möglichkeiten. Ein dienstlicher Gang war ein Gang im Auftrag der Stadt. Die Stadt konnte die fünfzig Cent also erstatten. Sie flossen dann von der Stadt zur Gesellschaft, von der Gesellschaft ans Klo und vom Klo zurück zur Stadt. Der Kreislauf war geschlossen und wunderbar: In der Statistik zählte jeder Wachgang als Nutzung und als Einnahme, in der Kasse blieb alles, wie es war.
Pömmerling nahm einen neuen Zettel. Je öfter die Wache müsse, desto billiger der Gang. Wenn jeder Wachmann stündlich ginge, sinke der Durchschnitt auf 9,40. Er unterstrich das zweimal. Fünfzig Meter weiter hatte das Stadttheater gerade nach vierzehn Jahren wieder eröffnet; dort rechnete niemand pro Gang.
Frau Wedekind stand in der Tür.
„Und wer bewacht das Klo“, fragte sie, „während die Wache drauf ist?“
Pömmerling legte den Zettel hin. Er hatte es geahnt, nur nicht so früh. Wer bewachte, musste manchmal gehen. Wer dann bewachte, musste das auch. Eine Wache für die Wache brauchte einen Container, ein Container brauchte ein Klo, und ein Klo brauchte –
„Ich weiß“, sagte er.
Er schrieb in den Vermerk: „Der Durchschnittswert ist rechnerisch zutreffend und strukturell nicht zu senken. Wiedervorlage nach Eröffnung des Hilfezentrums.“
Auf der Wiedervorlage stand schon vieles. Man konnte sagen, es war die einzige Einrichtung der Stadt, die nie geschlossen wurde.