Der Vermerk kam am Montag, zwei Tage nach der Niederlage, und er war kurz. Der Oberbürgermeister habe angekündigt, die in Stadt und Region entstandene Begeisterung für den Sport in eine neue Initiative zu überführen. Arbeitstitel: „Viertel in Bewegung“. Die Rechtsabteilung werde gebeten, die Überführung rechtssicher vorzubereiten. Frist: Ende der Woche. Begeisterung verflüchtige sich erfahrungsgemäß.
Pömmerling las den Vermerk zweimal und legte ihn dann in die Mitte seines Schreibtischs, wo er Vorgänge ablegte, deren Zuständigkeit noch zu klären war. Der Platz war groß. Er war selten leer.
Eine Überführung, notierte er, setze dreierlei voraus: einen Gegenstand, einen Ausgangsort und einen Zielort. Der Zielort existierte, wenn auch vorerst als Pressemitteilung. Der Ausgangsort war die Bewerbungsgesellschaft, die in drei Monaten abgewickelt würde. Offen war der Gegenstand.
Er rief in der Kämmerei an. Frau Bechtel hörte sich die Frage an, ohne zu unterbrechen, was bei ihr ein schlechtes Zeichen war.
„Begeisterung“, sagte sie dann, „ist nicht aktivierbar. Sie hat keinen Anschaffungswert, keine Nutzungsdauer und keinen Marktpreis. Wenn Sie sie bilanzieren wollen, müssen Sie sie mit null ansetzen.“
„Und wenn man sie überführt?“
„Dann überführen Sie null. Das ist haushaltsrechtlich unproblematisch.“
Pömmerling bedankte sich. Unproblematisch war nicht dasselbe wie erledigt.
Er versuchte es mit einer Bestandsaufnahme. Die Bewerbungsgesellschaft lieferte auf Anfrage eine Übersicht, vierzig Seiten, farbig. Reichweite der Kampagne: 38 Millionen Kontakte. Teilnehmende an Mitmachaktionen: 41.000. Verteilte Fahnen: 120.000. Pömmerling rechnete. Die Stadt hatte etwas mehr als eine Million Einwohner. Wenn jeder von ihnen achtunddreißigmal kontaktiert worden war, belegte das weniger Begeisterung als Geduld.
Die Fahnen ließen sich zählen. Er schickte zwei Auszubildende in drei Stadtteile. Sie kamen mit einer Liste von 17 Fahnen zurück: neun an Balkonen, fünf an Fahrradanhängern, zwei in einem Schaufenster, eine als Sonnenschutz an einem Kinderwagen. Die übrigen 119.983, vermutete der ältere der beiden, lägen in Kellern. Man könne sie überführen, aber vermutlich nur einmal, zum Wertstoffhof.
Am Mittwoch nahm der Vorgang eine Wendung, die niemand beabsichtigt hatte. Die Poststelle hatte das Stichwort „Überführung“ gelesen und die Anfrage an das Amt für Brücken und Stadtbahnbau weitergeleitet. Die Antwort kam ungewöhnlich schnell.
Man bedaure, teilte das Amt mit, derzeit keine Überführung für zusätzliche Lasten freigeben zu können. Sämtliche Überführungen im Stadtgebiet seien gesperrt, teilgesperrt oder für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt. Sollte die Begeisterung leichter sein, sei eine Einzelfallprüfung möglich. Bearbeitungsdauer derzeit: vierzehn Monate. Man bitte um Angabe des Gesamtgewichts.
Pömmerling las das Schreiben mit einem Gefühl, das er sich im Dienst normalerweise nicht erlaubte. Es war die erste Stellungnahme in diesem Vorgang, die eine konkrete Frage enthielt.
Er dachte über das Gewicht der Begeisterung nach. Sie war groß gewesen, das stand in jeder Pressemitteilung. Aber groß und schwer waren verschiedene Kategorien. Das Konzept der Stadt hatte in der Bewertung fast so viele Punkte erhalten wie das der Konkurrenz. Abgestimmt hatten dann diejenigen, die es vorher selbst gewogen hatten, und bei ihnen war es deutlich leichter gewesen. Vielleicht, dachte Pömmerling, ist Begeisterung genau das: etwas, das je nach Waage verschieden viel wiegt.
Blieb Neufeld. Das geplante Neubaugebiet am Stadtrand war in den letzten zwei Jahren in jeder Beschlussvorlage mit der Bewerbung verknüpft worden. Die Stadtbahnverlängerung dorthin: „im Kontext der Spiele beschleunigt“. Das Quartierszentrum: „nacholympisch nutzbar“. Die Grünachse: „Teil des Bewegungsraums der Spiele“. Pömmerling ließ sich die Vorlagen kommen und zählte 214 Fundstellen des Wortes „Spiele“.
Er erwog kurz, das Problem mit der Funktion Suchen und Ersetzen zu lösen. „Im Kontext der Bewegung beschleunigt“ klang nicht schlechter als das Original. Dann fiel ihm auf, dass die Vorlagen durch den Austausch zwar sprachlich weiter gälten, aber ihre Begründung verlören. Eine Stadtbahn, die wegen der Spiele beschleunigt werden sollte, hatte ohne Spiele keinen Grund mehr, schneller zu sein als jede andere Stadtbahn der Stadt. Und die anderen Stadtbahnen der Stadt waren nicht schnell.
Am Freitag schrieb er seinen Bericht. Er war eine Seite lang.
Die Überführung der Begeisterung in die Initiative „Viertel in Bewegung“ sei rechtlich zulässig und haushaltsneutral, da der überführte Gegenstand mit null anzusetzen sei. Eine physische Überführung scheide mangels tragfähiger Bauwerke aus. Fahnen seien in begrenztem Umfang vorhanden. Für das Projekt Neufeld empfehle die Rechtsabteilung, die Begründungen nicht auszutauschen, sondern zu prüfen, ob es unabhängig von den Spielen eine gebe. Sollte sich eine finden, sei sie vorzuziehen, da sie voraussichtlich länger halte.
Als Anlage fügte er eine Liste dessen bei, was sich tatsächlich überführen lasse: das Büro der Bewerbungsgesellschaft, sieben Mitarbeitende, zwei Dienstwagen, das Logo nach Anpassung der Farben sowie eine Kaffeemaschine, die im Inventar als „Olympia-Vollautomat“ geführt wurde.
Die Antwort aus dem Büro des Oberbürgermeisters kam am Montag. Man danke für die gründliche Prüfung. Die Initiative werde wie geplant starten, zunächst mit dem Büro, den sieben Mitarbeitenden, den zwei Dienstwagen, dem angepassten Logo und der Kaffeemaschine.
Die Begeisterung, hieß es, werde nachgereicht.
Pömmerling legte das Schreiben in die Mitte des Schreibtischs. Der Platz war groß.