Der Abtransport: Pömmerling und der Strandkorb

Pömmerling hatte in dreißig Dienstjahren gelernt, dass nichts so schwer wiegt wie ein Gegenstand, der eigentlich nicht vorkommt. Am Montagmorgen lag ein Zettel auf seinem Schreibtisch: „Bitte um rechtliche Würdigung: Sitzmöbel, Balkon, 3. OG.“ Absender war das Büro des Staatssekretärs.

Er prüfte gründlich. Die Dienstordnung kannte Schreibtische, Aktenschränke, Pflanzen (bis zu zwei je Raum, sofern der Kübel 40 Liter nicht überschritt) und Kaffeemaschinen (nur mit Kalkfilter-Nachweis). Sitzmöbel für Balkone kannte sie nicht. „Was nicht geregelt ist, ist erlaubt“, sagte Pömmerling zur Zimmerpflanze, „das ist das Schlimme daran.“

Er ermittelte den Sachverhalt: privat gekauft, privat geliefert, privat aufgebaut. Kein Cent aus dem Haushalt, kein Kabel, kein Anschluss, keine Steckdose. Er schrieb den Vermerk in zwei Absätzen, stellte fest, dass ein Verstoß nicht vorlag, las das Ergebnis noch einmal durch und war zufrieden. Der Vermerk war korrekt, vollständig und nutzlos, wie die besten Vermerke es sind.

Um zehn Uhr rief die Pressestelle an. „Es gibt Fragen.“

„Von wem?“

„Von allen.“

„Wozu?“

„Zum Strandkorb.“

„Ist er verboten?“

„Nein.“

„Warum gibt es dann Fragen?“

„Weil er da steht.“

Pömmerling notierte den Satz, weil er ihn für die tiefste Rechtsauskunft hielt, die das Haus in diesem Jahr erteilt hatte. Am Nachmittag trafen die Kommentare ein, in Ordnern, nach Häufigkeit sortiert. Ein Teil hielt den Vorgang für Satire, ein Teil für künstlich erzeugt, ein kleiner Teil für Dekadenz, und ein noch kleinerer Teil gönnte dem Staatssekretär das Möbel. Die Zeitungen stellten in ihren Überschriften die Frage, ob das dem Haus schade. Pömmerling bemerkte, dass die Zeitungen die Antwort gleich mitlieferten, indem sie die Frage stellten, und dass sie es dreimal am Tag taten.

Am Dienstag fiel die Entscheidung. Der Staatssekretär ließ ausrichten, der Strandkorb werde abtransportiert. Das war nach Pömmerlings Erfahrung die Art von Entscheidung, die alle Beteiligten für den Anfang vom Ende hielten und die in Wahrheit der Anfang von etwas Neuem war.

Denn ein Abtransport ist ein Vorgang. Pömmerling legte ein Aktenzeichen an, das er zum ersten Mal in seiner Laufbahn mit der Bezeichnung „Strandkorb, ehemals“ versah. Er entwarf einen Laufzettel, ein Übergabeprotokoll und einen Frachtvermerk. Er ließ sich den Empfang durch den Empfänger bestätigen, die Heimat, die Küste, den Ostseewind. Alles wurde dreifach ausgefertigt, eins für den Staatssekretär, eins für die Akte und eins für die Presse, falls sie danach fragen sollte.

Am Mittwoch stand der Balkon leer. Man sah in den Garten, in dem sich gelegentlich ein Fuchs zeigte, und hätte man es nicht gewusst, hätte man nichts vermisst.

Pömmerling legte die Akte ab. Sie war dick, gelocht, sauber beschriftet und stand nun im Schrank, wo der Strandkorb nie gestanden hatte. Am Donnerstag rief die Pressestelle wieder an. „Wo steht er jetzt?“

„In der Registratur“, sagte Pömmerling.

„Dann steht er ja wieder da.“

Pömmerling schwieg. Er hatte gelernt, dass Sätze, die stimmen, keiner Ergänzung bedürfen.